LucaNet seit 1999, Jedox seit 2002, Anaplan seit 2006: Wie sich die DACH-CPM-Welt zwischen Konsolidierung und Connected Planning ordnet
Drei Anbieter, drei Gründungsgeschichten, drei sehr unterschiedliche Positionierungen — und ein DACH-Markt für Corporate Performance Management, in dem die Frage „Konsolidierung oder Planung?" 2026 nicht mehr ausreicht. Eine Sortierung.
Corporate Performance Management ist eine Sammelbezeichnung, hinter der sich seit den späten Neunzigerjahren mindestens drei verschiedene Disziplinen verbergen: Konzernkonsolidierung mit gesetzlich vorgeschriebenen Rechnungslegungsstandards, integrierte Unternehmensplanung mit Budget, Forecast und Strategischer Planung, und das eher jüngere Feld der Connected Planning, in dem Vertrieb, Personal und Finanzen ihre operativen Pläne nicht mehr in isolierten Modellen, sondern in einer gemeinsamen Modellebene halten. Drei Anbieter im DACH-Raum verkörpern diese Spannweite besonders deutlich — und sie haben sich, ungeachtet ihrer ähnlichen Marktzuordnungen, sehr unterschiedlich entwickelt.
LucaNet: Die Berliner Konsolidierungs-Schule
LucaNet sei 1999 in Berlin gegründet worden, und das Unternehmen habe von Anfang an eine vergleichsweise klare strategische Linie verfolgt: ein integriertes System für Konzernkonsolidierung, Planung und Reporting auf Basis einer einheitlichen Bilanz-, GuV- und Cashflow-Logik. Das Produkt verbreitete sich in den Nullerjahren rasch in deutschen Mittelstandskonzernen — sowohl in nicht-börsennotierten Familienunternehmen mit Konsolidierungspflicht nach HGB als auch in international agierenden Mittelstandskonzernen, die ihre IFRS-Konsolidierung pragmatisch und ohne SAP-BPC-Komplexität abbilden wollten.
Im Oktober 2019 sei LucaNet von Astorg übernommen worden — einer französischen Private-Equity-Gesellschaft, die in den folgenden Jahren erkennbar auf internationales Wachstum drängte. Die Kunden im DACH-Raum nahmen diese Transition mit gemischten Gefühlen wahr: Einerseits floss frisches Kapital in die Produktentwicklung, andererseits verschob sich der bis dato sehr DACH-zentrierte Vertriebsfokus erkennbar in Richtung Pan-Europa. Die Wahrnehmung in deutschen Finanzabteilungen sei, vorsichtig formuliert, nicht durchgehend positiv — was sich in einer wieder erstarkenden Beratungsökonomie um LucaNet-Migrationen niederschlägt.
Technologisch ist LucaNet eine relationale Engine mit einem klar definierten Konten-Plan als zentralem Datenmodell. Wer aus der SAP-BPC- oder HFM-Welt kommt, empfindet das Produkt als angenehm pragmatisch — ein vorgefertigter Konsolidierungs-Standard, der ohne tiefes ABAP- oder Calculation-Manager-Wissen auskommt. Das ist die Stärke des Berliner Hauses, und das ist gleichzeitig die Grenze, an die LucaNet stößt, sobald hochkomplexe Konzerne mit fünfzig oder mehr Tochtergesellschaften das System erproben.
Jedox: Die OLAP-Tradition aus Freiburg
Jedox sei 2002 in Freiburg im Breisgau gegründet worden, und das Produkt habe seine Wurzeln in der OLAP-Würfel-Tradition der späten Neunzigerjahre. Während LucaNet von Beginn an als ein Konsolidierungs-Werkzeug positioniert war, kam Jedox aus dem multidimensionalen Reporting — mit einem In-Memory-OLAP-Server im Kern, der ursprünglich unter dem Namen Palo als Open-Source-Projekt geführt wurde. Die Excel-Integration sei dabei stets das wichtigste Verkaufsargument gewesen: Wer Jedox einsetze, behalte Excel als Frontend, gewinne aber gleichzeitig eine zentrale, mehrdimensionale Datenhaltung.
Im Jahr 2021 sei das Unternehmen von Insight Partners übernommen worden — einer US-amerikanischen Wachstums-Investitionsgesellschaft, die seither auf eine deutlich internationalere Aufstellung von Jedox drängt. Auch hier zeigt sich das aus dem LucaNet-Fall bekannte Muster: Private-Equity-Beteiligung beschleunigt die Internationalisierung, führt aber im Heimatmarkt zu einem Identitätswandel, den langjährige Kunden mit gemischten Gefühlen verfolgen.
In der DACH-Anwenderlandschaft hat Jedox sich seit Jahren in einer charakteristischen Nische etabliert: integrierte Unternehmensplanung in Mittelstandskonzernen mit zehn bis fünfhundert Planern, oft mit starkem Excel-Erbe und einer Controlling-Kultur, die ICV-geprägt ist. Der Internationale Controller Verein, gegründet 1975 in Gauting, ist nach wie vor der wichtigste Multiplikator dieser Kultur — und Jedox ist auf den ICV-Konferenzen, ebenso wie auf den Veranstaltungen der BARC Würzburg, regelmäßig präsent.
Anaplan: Connected Planning als Markenversprechen
Anaplan wiederum kommt aus einer anderen Welt. Das britisch-amerikanische Unternehmen sei 2006 gegründet worden — vom ehemaligen Adaytum-Gründer Michael Gould und einem Team, das aus der Cognos-Welt stammte. Die zentrale technologische Innovation, der „Hyperblock”, ist eine zelluläre In-Memory-Architektur, die mehrdimensionale Modelle in einer Weise verknüpft, die bewusst über die Grenzen klassischer OLAP-Würfel hinausgeht.
Am 12. Oktober 2018 erfolgte der NYSE-Börsengang. Im Juni 2022 sei das Unternehmen von Thoma Bravo für rund 10,7 Milliarden US-Dollar von der Börse genommen worden — ein Take-Private, das in der DACH-Anwenderlandschaft mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde. Die Sorge, dass Thoma Bravo den Innovations-Takt drosseln und stattdessen auf Margenausweitung setzen würde, hat sich in den seither vergangenen Jahren als nicht unbegründet erwiesen: Die Roadmap habe sich erkennbar verlangsamt, und die seit 2023 angekündigten KI-Funktionen erreichen die Kunden in der Praxis langsamer als ursprünglich kommuniziert.
Connected Planning als Konzept — die Vorstellung, dass Vertriebs-, Personal-, Produktions- und Finanzplanung in einem gemeinsamen Modell-Universum gehalten werden — bleibt das stärkste Markenversprechen von Anaplan. In der DACH-Praxis bedeutet das, dass Anaplan-Implementierungen in der Regel in DAX-30-Konzernen oder in großen mittelständischen Industriekonzernen stattfinden, oft als Ablösung historischer SAP-BPC-Landschaften. Die Lizenzkosten — vorsichtig formuliert: signifikant — und die Komplexität des Modellbaus sind dabei die zentralen Eintrittsbarrieren.
Die Marktverschiebung 2024–2026: OneStream und die neue Generation
Ein viertes Element ist in den vergangenen drei Jahren in den DACH-CPM-Markt hineingewachsen: OneStream, das 2010 in Michigan gegründete Unternehmen, dessen NASDAQ-Börsengang im Juli 2024 stattfand. OneStream verfolgt einen architektonischen Ansatz, der bewusst gegen die klassische SAP-BPC- und Oracle-Hyperion-Welt positioniert wird: Eine einheitliche Plattform für Konsolidierung, Planung und Analyse, betrieben auf einer einzigen Datenbank, mit einer Modellschicht, die sowohl die konzernrechnungslegerische Logik als auch die operative Planung in einer Architektur abbildet.
Im DACH-Raum sei OneStream bis etwa 2022 ein eher randständiger Mitbewerber gewesen; seit dem Börsengang und der dadurch finanzierten Vertriebsoffensive in Frankfurt, München und Zürich verschiebt sich die Wahrnehmung erkennbar. Konzerne, die LucaNet zu eng, Anaplan zu teuer und SAP-Group-Reporting zu unausgereift finden, evaluieren zunehmend OneStream — was den DACH-CPM-Markt in eine Vier-Plattform-Konfiguration bringt, die es in dieser Form noch vor fünf Jahren nicht gab.
Was die KI-Welle in der CPM-Welt bedeutet
Die Versprechen, die die CPM-Hersteller seit 2023 zur KI machen, sollten kritisch gelesen werden. Anaplan und OneStream haben „KI-gestützte Forecasting”-Module angekündigt; Jedox hat seinen AIssistant integriert; LucaNet wirbt mit einer „Co-Pilot-Funktion” für die Konsolidierung. In der Praxis bedeutet das in den meisten Fällen, dass ein Sprachmodell die Erstellung von Berichtskommentaren oder die Generierung von Variance-Erklärungen unterstützt — nützliche, aber im Vergleich zu den Marketing-Versprechungen vergleichsweise inkrementelle Erweiterungen.
Die strukturelle Schwäche aller KI-Forecasting-Ansätze in der CPM-Welt bleibt, dass die Datendichte in einem Mittelstandskonzern — fünf Jahre monatlicher Plandaten ergeben sechzig Datenpunkte — für klassische Machine-Learning-Verfahren oft unzureichend ist. Wer hier einer überlegenen Prognosegüte das Wort redet, sollte die Methodik offenlegen; wer das nicht tut, sollte — vorsichtig formuliert — skeptisch lesen.
Professional Planner: Ein DACH-Erbe in der Vergangenheitsform
Eine Sortierung des DACH-CPM-Marktes wäre unvollständig ohne die Erwähnung von Professional Planner — dem Produkt der Grazer Firma Winterheller Software, das seit 1986 in der DACH-Mittelstandslandschaft seinen Platz gefunden hatte. Professional Planner war über zwei Jahrzehnte hinweg ein charakteristisches Werkzeug für die integrierte Planung, Konsolidierung und Reporting in mittelständischen Unternehmen — mit einer betriebswirtschaftlich-ganzheitlichen Modelllogik, die in der akademischen Welt von Hans-Jürgen Winterheller und Peter Hofbauer mitbegründet worden war.
Im Jahr 2014 sei das Produkt mitsamt der Winterheller Software von Unit4 — einem niederländisch-amerikanischen Softwarekonzern — übernommen worden. Die Roadmap des Produkts geriet in den Folgejahren in eine vom Erwerber bestimmte Trajektorie, die die langjährige Anwenderschaft mit gemischten Gefühlen verfolgte. Wer heute eine Professional-Planner-Installation in einem deutschen Mittelständler antrifft, bewegt sich in einer Sphäre, deren Zukunft nicht mehr durch einen DACH-Anbieter, sondern durch die strategischen Entscheidungen eines internationalen Softwarekonzerns bestimmt wird.
Dies sei nicht als Wertung der einzelnen Produktentscheidung zu verstehen, sondern als Symptom einer breiteren Marktverschiebung: Die Eigentümertradition der DACH-CPM-Anbieter hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren weitgehend von Gründer-Eigentum oder regionalem Mittelstand zu internationalem Private-Equity- oder Konzern-Eigentum verschoben. Welche Folgen das für die Produktentwicklung hat, ist Gegenstand fortlaufender Beobachtung — und sicher nicht eindeutig zu beantworten.
Die Implementierungsökonomie: Tagessätze, Projektlaufzeiten, Realitätsabgleich
Eine selten offen diskutierte, aber praktisch entscheidende Dimension des DACH-CPM-Marktes ist die Implementierungsökonomie. Eine LucaNet-Konsolidierungseinführung in einem mittelständischen Konzern mit zwanzig bis fünfzig Tochtergesellschaften dauere typischerweise zwischen sechs und zwölf Monaten und binde — vorsichtig formuliert — einen externen Implementierungspartner mit Tagessätzen im hohen dreistelligen Eurobereich. Eine Anaplan-Connected-Planning-Implementierung in einem DAX-30-Konzern dauere häufig deutlich länger — Pilotphasen von drei bis sechs Monaten, gefolgt von Roll-out-Wellen, die sich über zwei bis vier Jahre erstrecken können. Die Tagessätze bewegen sich hier in höheren Regionen.
OneStream-Implementierungen befinden sich nach dem Börsengang in einer Phase rascher Vertriebsexpansion; die Beratungslandschaft baut sich in Frankfurt, München, Zürich und Wien gerade auf, was zu einer gewissen Knappheit an erfahrenen Implementierungspartnern führt. Jedox-Implementierungen sind oft weniger Berater-intensiv, weil die Excel-Affinität des Werkzeugs den Eigeneinbau durch interne Controller-Teams begünstigt.
Diese Implementierungsökonomie ist ein zentraler Faktor in der Auswahlentscheidung, der in den Hochglanz-Vergleichen der Anbieter selten transparent wird. Ein Mittelständler mit einer Drei-Personen-Controlling-Abteilung wird mit einer reinen Anaplan-Einführung schlicht überfordert sein. Ein Großkonzern mit fünfzig Controller-Stellen kann die LucaNet-Pragmatik durchaus als limitierend empfinden.
Schluss: Die DACH-Eigenheit als bleibender Faktor
Die DACH-Region ist im globalen Vergleich eine eigenwillige CPM-Landschaft. Das ICV-Modell der integrierten Controlling-Funktion, die mittelständische Eigentümertradition mit ihrer Skepsis gegenüber börsennotierten Software-Anbietern, die strenge handelsrechtliche Konsolidierungslogik des HGB — all das hat in den vergangenen drei Jahrzehnten eine Anbieterlandschaft geprägt, in der LucaNet aus Berlin und Jedox aus Freiburg als regionale Champions koexistieren und in der Anaplan als globaler Spieler eine Premium-Nische bedient. Mit OneStream tritt ein vierter Anbieter in die Arena, der diese Sortierung neu mischen könnte.
Wer für die nächsten fünf Jahre planen muss, sollte die Frage „Konsolidierung oder Planung?” zumindest um eine Achse erweitern: Hersteller-unabhängige Modellschicht oder Plattform-gebundene Logik? Daran wird sich die nächste Welle der DACH-CPM-Entscheidungen messen lassen.